Behind the Scenes mit Lisa Long

„Ich wollte kein übergeordnetes Thema vorgeben, das wäre mir zu restriktiv. Ich habe vielmehr nach einer bestimmten Struktur gesucht, in der all diese unterschiedlichen Stimmen, Positionen und Standpunkte zusammenfinden können“, so Lisa Long über die von ihr kuratierte Programmreihe Horizontal Vertigo, die in der Julia Stoschek Collection Berlin präsentiert wird. „Bei Horizontal Vertigo habe ich mit Künstler*innen zusammen gearbeitet, die politisch agieren. Diese Politik ist queer. Diese Politik ist feministisch. Und diese Politik ist post- oder de-kolonialistisch.“ Während der  Berlin Art Week zeigt die Julia Stoschek Collection im Rahmen von Horizontal Vertigo die erste Einzelausstellung von WangShui in Europa. Charakteristisch für die Ausstellung, so Long, ist ein "Sehen, dass nicht nur optisch ist, sondern dass man auch fühlt. Wir sehen nicht nur mit unseren Augen, sondern mit unserem ganzen Körper." Einige der Arbeiten hat WangShui eigens für die Ausstellung angefertigt, die Julia Stoschek Collection hat diese unterstützt. „Es ist ein wirklich toller Aspekt meiner kuratorischen Arbeit, Teil der künstlerischen Praxis zu sein.“

Lisa Long zu WangShuis Videoarbeit From Its Mouth Came a River of High-End Residential Appliances: "Kameraaufnahmen zeigen eine Reihe von Wolkenkratzern, in denen große Durchlässe erkennbar sind. Denn dem chinesischen Mythos nach müssen die Drachen von den Bergen zum Meer fliegen, um zu trinken. Und um diesen Flug nicht zu stören, lassen die Bauherren die sogenannten Drachentore in ihre Gebäude ein. WangShui faszinieren diese Aussparungen, die man in Hongkong häufig sieht, weil zig Tausende Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche aufgegeben werden, um dem chinesischen Mythos Tribut zu zollen und die Energie des Drachens fließen zu lassen. In unserer kapitalistischen Zeit ist das unglaublich, das ist schon fast eine Form des Widerstands.“

"We constantly have to think"

„Ich bin kritisch gegenüber jedem Anspruch auf Objektivität und restriktive Kategorisierungen, Universalismus-Ideen, all diese Dinge, die das 19. und 20. Jahrhundert geprägt haben und die den Kanon, wie wir ihn aus der Kunstgeschichte kennen, bestimmt haben. Ich interessiere mich für Wissenssysteme und wie diese niedergeschrieben oder institutionalisiert wurden und wie wir diese missbrauchen oder rückgängig machen können. Das ist auf der einen Seite ziemlich schön und eröffnet viele Möglichkeiten, aber es ist auch anstrengend, weil das bedeutet, dass wir konstant über uns reflektieren und nachdenken müssen. Und dass wir uns anpassen und flexibel sein müssen.“

"Gespräche hängen wirklich immer von ihrem Kontext ab und der Situation, in denen sie stattfinden. In Deutschland ist es derzeit wichtig, Ansätze über Vielfalt und Komplexität und ganz besonders auch über die Differenz weiter zu entfachen: dass wir alle unterschiedliche Hintergründe haben, unterschiedliche Geschichten. Und dass jede*r dieser Idee von Subjektivität oder Identität nachhängt, das man innerhalb eines größeren Ganzen umspannen kann. Das die Unterschiede nicht negiert, sondern ihnen mit offenen Armen begegnet, oder sogar näher auf sie eingeht. Und dass wir alle unsere eigenen Positionen haben können und trotzdem als gesamtes Ganzes, als Gruppe wahrgenommen werden.


 

Editor-in-Chief: Nella Beljan
Photo: Mirjam Wählen
Video: Katharina Tress
Production Management Assistant: Ludwig Schaible