Mehr anzeigen

  • Mi 11.09 , 18:00h
  • Do 12.09 , 12:00h
  • Fr 13.09 , 12:00h
  • Sa 14.09 , 12:00h
  • So 15.09 , 12:00h

Bettina Pousttchi, Echo 04, 2009/2010. Courtesy die Künstlerin und Buchmann Galerie
© 1km² Berlin – Die Sprache der Spekulation, 2019 (Filmstill), Guerilla Architects in Kooperation mit Philine Schneider und Shahrzad Rahmani, Performerin: Alicia Agustin, Produktion: offscreen

Ausstellung,
Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.)

Ausstellung 12 SEP—13 OKT 2019
Eröffnungen 11 SEP 2019, 18 Uhr

1989–2019: Politik des Raums im Neuen Berlin

Nach dem großen Jubiläumsjahr 2018, in dem der Kunst- und Kulturbetrieb sich umfänglich mit 50 Jahren 1968 beschäftigte, folgt nun das nächste Jubiläumsjahr, das es in sich hat. Neben dem bereits allerorts diskutierten und zelebrierten einhundertjährigen Bestehen des Bauhauses hat in diesem Jahr ein weiteres, markantes Ereignis einen runden Jahrestag: der Mauerfall. Das damit eingeläutete Ende der Blockkonfrontation zwischen Ost und West – eine Zäsur sondergleichen, die den Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sogar vom >Ende der Geschichte< sprechen ließ—hatte in Berlin, wo die kapitalistische und die realsozialistische Weltordnung räumlich unmittelbar aufeinanderprallten, ganz besondere Auswirkungen: 1989 war eine Eruption, die massive Folgen für die Stadtentwicklung Berlins hatte.

Die Ausstellung Politik des Raums im Neuen Berlin denkt die jüngere urbane und architektonische Geschichte Berlins vom vermeintlichen >Ende der Geschichte< her: Wie ist Berlin zu dem geworden, was es heute ist? Ziel ist die Herausforderung bestehender Narrative und die Darstellung zutiefst kontingenter, teils widersprüchlicher und sich überlappender Prozesse, die sich bis heute im gebauten Berlin verdichten und materialisieren. Es geht um die Dekonstruktion eines Mythos, des Mythos Berlin, dem sich in drei Unterkapiteln angenähert wird: Dem Mythos der Geschichte, dem Mythos des Marktes und dem Mythos der Kreativität.

Thematisiert wird die unmittelbare Offenheit der Situation ab 1989, die einerseits neue politische und kulturelle Räume möglich machte und gleichzeitig einer massiven Neoliberalisierung städtischer Politik den Weg ebnete, deren Folgen den Wohnungsmarkt heute zunehmend unter Spannung versetzen. Grundlage hierfür waren tiefgreifende Verwaltungsreformen entlang des sogenannten >Neuen Steuerungsmodells<, die die flächendeckende Veräußerung kommunaler Liegenschaften überhaupt erst möglich machten. Begründet wurde der politische Reformwille oftmals mit der vermeintlichen Notwendigkeit, dass Berlin in der Konkurrenz der Städte bestehen sollte: Schließlich sollte Berlin zur Weltstadt werden.

Der hier angedeutete Paradigmenwechsel führte zu einer historisierenden Architektur, das Bedürfnis nach Identität zu einer Suspendierung einer offenen Zukunft zugunsten einer Vergangenheit, die es so niemals gab. Die architektonische Rekonstruktionsdebatte der 1990er-Jahre funktionierte letztlich als ideologischer Taschenspielertrick und verschleierte die tatsächlichen neoliberalen Transformationsprozesse. Das 2003 schließlich von Klaus Wowereit im Anschluss an die Berliner Bankenkrise verlautete Motto >arm aber sexy<, das Berlin als cultural hub zu inszenieren wusste, diente als Chiffre für eine Fortsetzung nahezu desselben austeritätspolitischen und neoliberalen Modus unter veränderten kulturpolitischen Vorzeichen. Diese neue stadtpolitische Strategie vermochte es jedoch, mittels einer gezielten Inwertsetzung und Mobilisierung von Sub- und Gegenkulturen den Mythos des kreativen Berlins zu verschärfen und der Stadt so doch noch zu Weltruhm zu verhelfen. Eine entsprechende Absorption fand auch im Bereich der Planung statt: Insbesondere lokale Wissens- und Protestformen sollten durch niedrigschwellige Partizipationsansätze in das städtische Projekt aufgenommen werden—ein ambivalenter bis tragischer Vorgang: Der Planungsprozess wurde zwar stellenweise demokratischer, nahm aber urbanen sozialen Bewegungen oftmals auch den Wind aus den Segeln.

Ein Blick in Geschichte, Gegenwart und Zukunft soll ausloten, wie es um das urbane Berlin heute bestellt ist: Wie ist beispielsweise die Renaissance des Enteignungsbegriffs, die im Zuge der Debatte um die Deutsche Wohnen deutlich wird, zu werten? Was tun gegen neuerliche Bestrebungen, die Vergangenheit zur gesellschaftlichen Zielvorstellung zu erklären? In welcher Verfassung sind urbane soziale Bewegungen derzeit, wie lässt sich ihr Verhältnis zur Parteipolitik produktiv gestalten? Und letztlich: Welche Akteur*innenkonstellationen, Planungsansätze und Architekturen wird es brauchen, um das Bild eines solidarischen Berlins der Offenheit erneut zu schärfen? Wie könnte eine Refuturisierung des Urbanen aussehen? Und wie lässt sich nicht mehr nur über Jubiläen, sondern auch die Zukunft sprechen?

Kuratiert von ARCH+ (Frederick Coulomb, Dorothee Hahn, Christian Hiller, Anh-Linh Ngo, Max Kaldenhoff, Mirko Gatti, Christine Rüb), mit Ausstellungsbeiträgen von Guerilla Architects in Kooperation mit Philine Schneider und Shahrzad Rahmani, Schroeter und Berger, Verena Hartbaum, Andrej Holm, Charlotte Malterre-Barthes, Daniel Poller

Termine