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Pauline Curnier Jardin, Grotta Profunda Approfundita, 2017. Courtesy of the artist, Foto: Daniele ZoikoPauline Curnier Jardin, Simon Fujiwara, Katja Novitskova, Flaka Haliti (v.l.n.r.). Foto: David von BeckerPauline Curnier Jardin, Blutbad Parade ›Fußnoten eines Krieges‹, 2014. Courtesy of the artist, Foto: Oumeya El OuadieSimon Fujiwara, Likeness, 2018. Courtesy of the artist und Esther Schipper, Berlin, Foto: Marc DomagSimon Fujiwara, Joanne, 2016. Courtesy of the artist, Esther Schipper, Berlin, TARO NASU, Tokyo, Foto: The Photographers‘ Gallery, LondonFlaka Haliti Here – Or Rather There, Is Over There, 2018.Courtesy of the artist, Deborah Schamoni und LambdaLambdaLambda, Foto: Michael PfistererFlaka Haliti, Ars Viva Preis-Ausstellung, 2016. Courtesy of the artist, Deborah Schamoni und LambdaLambdaLambda, Foto: Andy KeatKatja Novitskova, Invasion Curves, 2018. Courtesy of the artist, Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin, Foto: Andrew RadfordKatja Novitskova, Pattern of Activation (eyes of the world), 2017. Courtesy of the artist, Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin, Foto: Anu Vahtra

15-08-19

Vier gewinnt—Preis der Nationalgalerie

Berlin Art Week Magazine 2019
Text von Christiane Meixner

Richtiggehend unscheinbar wirkte Dirk Skrebers Malerei neben den Beiträgen der Konkurrenz: der monumentalen Sprayarbeit von Katharina Grosse, der Erdmauer von Olafur Eliasson oder jenen hintergründigen Videos, für die Christian Jankowski vier Wahrsagerinnen engagiert hatte, die jedem der Nominierten den Gewinn versprach.
 Am Ende aber war es Skreber, der im Jahr 2000 den ersten Preis der Nationalgalerie gewann—und einen Scheck über 100.000 Mark mit nach Hause nahm. Die anderen gingen leer aus, allen Vorhersagen, aller Wahrsagerei zum Trotz. Knapp zwei Jahrzehnte später ist jedoch klar, wie richtig die Jury damals mit den vier Nominierten lag: Sie alle haben anschließend Karriere gemacht.

Dass auch der Preis Karriere machen sollte, war damals nicht vorherzusehen. Doch er mauserte sich, nicht zuletzt dank einiger Anpassungen und Veränderungen im Laufe der Jahre. So wurde schon beim zweiten Mal das Preisgeld neu geregelt: 25.000 Euro gingen nun an die Sieger Michael Elmgreen und Ingar Dragset, für die andere Hälfte wurde ihre Arbeit ›Temporarily Placed‹ (2002) angekauft. Ein Gewinn für beide, Künstler wie Nationalgalerie. Das Duo spielte mit dieser Installation eines lebensechten Patienten im Krankenbett auf die Situation vieler Museen an, deren Etats kontinuierlich schrumpfen. Spätestens 2005 bei der dritten Vergabe fiel dann in einer Runde mit dem Performer John Bock, dem Filmkünstler Anri Sala und Angela Bulloch, deren dreidimensionale Werke komplexe Ordnungssysteme untersuchen, auf, wie sehr sich der Blick auf die Spielarten aktueller Kunst mit jedem Jahr weitete. Den Preis bekam schließlich die vierte im Bunde, Monica Bonvicini, für ihre Installation ›Never Again‹ (2005)—ein Raum voll schwarzer Lederschaukeln an Silberketten, der an einen Darkroom erinnert. 

Längst gilt der Preis der Nationalgalerie als wichtigste deutsche Auszeichnung für Künstler*innen unter 40 Jahren. Die Longlist der jährlich wechselnden Jury bleibt geheim, aber die vier für die Shortlist Ausgewählten stellen im Jahr ihrer Nominierung im Hamburger Bahnhof—Museum für Gegenwart—Berlin aus. Auch das Publikum darf seinen Favoriten wählen, der am Ende der Ausstellung verraten wird—und nicht immer stimmen Fach- und Publikumsurteil überein. Seit 2011 gibt es parallel einen Förderpreis für Filmkunst, zwei Jahre später änderte Udo Kittelmann als Direktor der Nationalgalerie erneut die Regeln: Nun wird das Preisgeld für einen Ankauf und eine große Soloschau der Gewinnerin oder des Gewinners im darauffolgenden Jahr verwendet. Wer die Projekte von Mariana Castillo Deball (2014), Anne Imhof (2016) und Agnieszka Polska (2018) gesehen hat, der weiß, dass seitdem stets auch die Besucher*innen gewinnen.

Pauline Curnier Jardin

Vom »Appetit auf Details« sprach Pauline Curnier Jardin einmal und gibt sich alle Mühe, dieses Verlangen mit ihrer Kunst zu stillen. In Arbeiten wie ›Teetotum‹ (2017) oder ›The Resurrection Plot‹ (2015) vermischt sie Groteskes mit Witz, Anarchie und Erotik. Vergeblich sucht man in der assoziativen Montage ihrer Filme nach einer kohärenten Geschichte. Zudem spielen traditionelle Kategorien wie männlich oder weiblich, belebt oder unbelebt, rational oder emotional für Curnier Jardin keine Rolle mehr. Stattdessen entwirft sie alternative Erzählungen und experimentiert mit einem anderen, feministisch grundierten Blick auf historische Ereignisse und kulturelle Phänomene. 

Simon Fujiwara

Die Frage nach der Identität im hyperrealen Zeitalter ist für die oft kollaborative Arbeit von Simon Fujiwara zentral. In der Installation ›Joanne‹ (2016/18) nimmt sich der Künstler beispielsweise einer für ihn wichtigen Lehrerin an, die Opfer von Diffamierung im Internet wurde und widmet ihr eine professionelle Kampagne für ein neues, positives Image. Dass auch dieses weitgehend auf Stereotypen basiert, ist charakteristisch für Fujiwara: Im Spannungsfeld von Wahrheit und Fälschung erweist sich das Individuum in seinen präzisen Inszenierungen als fiktiv und konstruiert. Und immer wieder führt Fujiwara uns dabei vor, dass es die Brüche und Widersprüche sind, die Selbst- und Fremdbild prägen. 

Flaka Haliti

Die eigene Biografie schwingt mit im Werk von Flaka Haliti, wird aber selten so konkret wie in der Arbeit ›its urgency got lost in reverse (while being in constant delay)‹ (2017), die mit Materialien von einem Militärflohmarkt im Kosovo entstand, wo die Künstlerin in der Hauptstadt Pristina geboren wurde und von wo sie während des Krieges fliehen musste. Wenn Haliti in ihren Installationen, Performances, Fotografien und Zeichnungen immer wieder die Themen Migration und erzwungene Mobilität aufgreift, so meist in Bezug auf die Erlebnisse anderer, deren Erfahrungen sie aufnimmt und nacherzählt. Gleichzeitig untersuchen ihre Arbeiten die Offenheit respektive die Grenzen der politischen Systeme Europas.

Katja Novitskova

Mit dem Begriff ›Post Internet Art‹ wurde in jüngerer Zeit vieles etikettiert, doch auf die Kunst von Katja Novitskova trifft er völlig zu. Aus dem Digitalen überführt Novitskova ihre Sujets ins Analoge—als flache Displays oder skulpturale, immersive Installationen wie etwa in ›Pattern of Activation (planetary bonds)‹ von 2015—und entwirft dabei das Szenario einer komplett technologisierten Zukunft. Realer und virtueller Raum sind hier bis zur Unkenntlichkeit ineinander verschränkt, ebenso wie Technik und Natur. Alles unterliegt den Entscheidungen künstlicher Intelligenz, ihrer fortschreitenden Emanzipation vom Menschen und der Frage, welchen Einfluss wir auf die Prozesse überhaupt noch nehmen können.

 

ARTIST TALKS
So 18 AUG 2019
im Aktionsraum des Hamburger Bahnhofs

Einen persönlichen Eindruck der vier Nominierten und ihrer künstlerischen Arbeitsweisen können Sie am Sonntag den 18 AUG 2019 im Hamburger Bahnhof gewinnen. Dort wird ein Podiumsgespräch mit den vier Nominierten stattfinden. Im Anschluss daran sprechen die Nominierten des Förderpreises für Filmkunst auf dem Podium.

PODIUMSGESPRÄCH MIT DEN NOMINIERTEN DES PREIS DER NATIONALGALERIE 2019
Pauline Curnier Jardin, Simon Fujiwara, Flaka Haliti, Katja Novitskova
Moderation: Dorothée Brill
18 AUG, 14—15 Uhr

PODIUMSGESPRÄCH MIT DEN NOMINIERTEN DES FÖRDERPREIS FÜR FILMKUNST 2019
Lucia Margarita Bauer, Lukas Marxt, Nicolaas Schmidt, Jan Soldat
Moderation: RP Kahl
18 AUG, 16—17 Uhr

PREIS DER NATIONALGALERIE 2019
Shortlist-Ausstellung der nominierten Künstler*innen  
16 AUG 2019—16 FEB 2020
Eröffnung 15 AUG, 20 Uhr

HAMBURGER BAHNHOF
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin
Di, Mi, Fr 10—18 Uhr, Do 10—20 Uhr, Sa, So 11—18 Uhr

 

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